Dem Holocaust entkommen

Wieviel Unmenschlichkeit bedarf es, um Menschen wie Tiere zu behandeln?

Am Dienstag, 11.07.2017 war Frau Szepesi zu Besuch bei uns am CJT-Gymnasium. Sie erzählte den 9. Klassen über ihr Leben und ihre tragischen Erfahrungen als jüdisches Mädchen im Nationalsozialismus.
Eva Szepesi wird 1932 als älteres von zwei Kindern in Budapest geboren. Ihre weitgehend glücklich verlaufende Kindheit verbringt sie weiterhin in Budapest, wo ihre Eltern ein Geschäft für Herrenmode betreiben. Als ihr Vater zum Arbeitsdienst einberufen und das Geschäft kurz darauf geschlossen wird, bekommt die 7-jährige Eva die antijüdischen Maßnahmen schon im eigenen Freundeskreis zu spüren. Im Januar 1944 wird sie von ihrer Mutter mit ihrer Tante auf eine als Reise getarnte Flucht in die Slowakei geschickt, auf der sie immer wieder bei anderen Leuten wohnt, als letztes schließlich bei zwei älteren Damen. Bei diesen Zwillingsschwestern, die sie Märchenschwestern nennt, lebt sie sich schnell ein und lernt auch viel über Hausarbeit. Doch obwohl es ihr in ihrem neuen, vorübergehenden Zuhause gut gefällt, wartet sie jeden Tag vergebens auf ihre Mutter und ihren Bruder. Eines Nachts klopfen zwei Männer an der Wohnungstür und fordern die Frauen forsch auf, ihre Sachen zu packen und mitzukommen. Eva wird ohne die beiden Schwestern in ein Altersheim, das nun als Sammellager dient, und kurze Zeit später mit dem letzten Zug nach Auschwitz gebracht. Zwar hat sie vorher schon von den sogenannten Judentransporten gehört, aber kann sich nun erst vorstellen, was es damit auf sich hat. Sie beschreibt die lange Zugfahrt ins Ungewisse als unerträglich; einige Menschen sind schon erstickt und überall ist der Geruch von Leichen in der dünnen Luft, sodass es den Menschen dort schwer fällt durchzuhalten. Nach der beschwerlichen Fahrt im engen Wagon kommen sie im Vernichtungslager Auschwitz an. Es folgt das für KZs typische Prozedere: In einem großen Raum müssen sich die Neuankömmlinge komplett entkleiden, es werden ihnen die Haare abgeschnitten und sie bekommen die Häftlingskleidung, die nicht gerade warm ist, und das, obwohl November ist und Schnee liegt.
A26877. Das ist Evas Häftlingsnummer, die sie Tag für Tag an die Zeit in der Hölle erinnert. Das Unerträgliche, wie sie sagt, waren die Misshandlungen und das stundenlange Appellstehen in klirrender Kälte wegen Kleinigkeiten. Was sie in Auschwitz lernte, um am Leben zu bleiben, war den Mund zu halten und keine Aufmerksamkeit zu erregen. Wenn man sich mit den Mithäftlingen unterhalten wollte, musste man sehr vorsichtig sein, dass keiner der Aufseher es bemerkte, ansonsten war eigentlich jeder für sich selbst. Sie wollte ihre Familie wiedersehen und lebend rauskommen, das war es, was ihr die Kraft gab, sagt sie. Die letzten Tage im KZ vor der Befreiung am 27.01.1945 sind ihr bis heute nicht mehr im Gedächtnis. Ihre letzte Erinnerung ist, dass alle auf den Appellplatz gerufen wurden und sie bewusstlos wird; als sie aufwacht, wird sie von russischen Soldaten in ein Lazarett gebracht. Die einzig Überlebenden ihrer Familie waren bei der Rückkehr nach Budapest ihr Onkel und ihre Tante.
Eva Szepesi hat geheiratet und lebt heute mit ihrer Großfamilie aus zwei Töchtern, vier Enkeln und drei Urenkeln in Frankfurt. Man merkt, sie ist ein durchaus positiver Mensch, was erstaunlich ist bei solch einer Vergangenheit. Das war allerdings nicht immer so, gesteht sie, fast ihr ganzes Leben hat sie nicht über die Zeit in Auschwitz gesprochen. Erst als sie 1995 von Steven Spielberg zu einem Interview für den Film „Schindlers Liste“ nach Auschwitz eingeladen wird, gelingt es ihren Töchtern sie zu überreden. Nach diesem Besuch wollte Eva nicht länger schweigen, sie veröffentlichte ihre Geschichte 2011 unter dem Titel „Ein Mädchen allein auf der Flucht“. 2015 erfährt sie dann endgültig vom Tod ihrer Mutter und ihres Bruders in Auschwitz, erst ab da konnte sie endlich trauern. Trotz all dieser schrecklichen Erlebnisse hat sie nie wirklich Hass gegen die Deutschen entwickelt, sie sagt, sie könne nicht hassen. Ihren Vortrag beendet sie mit der für sie bis heute noch ungeklärten Frage, die sie einem KZ-Aufseher stellen würde, hätte sie jemals noch die Chance dazu: „Wie kann man nur so unmenschlich sein und Menschen wie Tiere behandeln?“

Daniela Scharrer, 9a