Mit dem Ballon in die Freiheit: Ein außergewöhnlicher Zeitzeugenbesuch am CJT

An zwei Freitagen am Schuljahresende (30.06. und 07.07.2017) besuchte Günter Wetzel die elfte Jahrgangsstufe und hielt einen Vortrag über seine Flucht aus der DDR im Heißluftballon.
Dass der Wunsch nach Freiheit bei Günter Wetzel groß gewesen sein muss, merkt man bereits zu Anfang seines Vortrags im gut gefüllten Kellertheater. Der 1955 in Thüringen geborene Wetzel schildert seine Kindheit auf dem Land in der DDR, die sich seiner Meinung nach nicht von einer dörflichen Kindheit im Westen unterschieden haben konnte.
Nach und nach begreift man, wie sich seine Meinung gegen den Unrechtsstaat immer mehr festigte. Günter Wetzel will ursprünglich Physik studieren, was er aufgrund seiner fehlenden Parteizugehörigkeit zur SED sowie der Tatsache, dass der Vater noch vor dem Mauerbau die DDR verlassen und dabei aber den Kontakt zur Familie abgebrochen hatte, nicht durfte. Ersatzweise erlernte Wetzel schließlich den Beruf des Elektroinstallateurs.
Bevor die Erzählung über die eigentliche Flucht und deren Vorbereitungen beginnt, die sich insgesamt eineinhalb Jahre hinzogen, räumt Günter Wetzel fast schon bescheiden auf mit dem Mythos, der durch den Hollywoodspielfilm über seine Flucht („Mit dem Wind nach Westen“) entstanden ist. „Das ist da so spektakulär in dem Film…so spektakulär war es aber gar nicht.“
Einführend erklärt Günter Wetzel Hintergründe zur DDR-Geschichte, etwa den Umstand, dass in der DDR Ehen recht früh geschlossen wurden, unter anderem, um an begehrte zinslose Kredite zur Hausstandsgründung zu gelangen. Auch, dass Hausbesitzer verpflichtet waren, ein so genanntes Hausbuch zu führen, in dem penibel alle Besucher der jeweiligen Familie eingetragen werden mussten, und das auf Verlangen den Behörden vorgelegt werden musste, erfahren die Zuhörer nebenbei. Herr Wetzel zeigt Fotos seines Hausbuches. Der Überwachungsstaat DDR wird plötzlich greifbar.
Westverwandte, die selbstredend auch in diesem Hausbuch vermerkt sind, stellen über familiäre Bindungen den Kontakt her zu Peter Strelzyk, den Wetzel von sich aus nie angesprochen hätte, da Strelzyk bekannt war für sein prosozialistisches Engagement. Dass dies nur Makulatur war und der beruflichen Karriere diente, zeigt sich später. Inzwischen ist bei beiden der Entschluss gereift, der DDR den Rücken zu kehren. „Warum habe ich keinen Ausreiseantrag gestellt?“, fragt Wetzel in die Runde. „Weil der meistens abgelehnt wurde, und man da mit dem Schlimmsten rechnen musste.“ Einer Lehrerin sei beispielsweise nach Stellung ihres Ausreiseantrags gekündigt worden. Stattdessen habe sie als Gartenhelferin weiter arbeiten müssen. Dass die Flucht nun ausgerechnet über den Luftweg mit einem selbst gebauten Heißluftballon angetreten wird, liegt an einer westdeutschen Zeitschrift, die Wetzel über seine Verwandten erhält, und in der ein reich bebilderter Bericht über ein Ballontreffen in den USA zu lesen ist. Am 8.3.1978 fällt die endgültige Entscheidung Günter Wetzels und Peter Strelzyks, die DDR mit dem Ballon zu verlassen. Wetzel übernimmt hierbei nach eigenen Angaben die Rolle des Praktikers, während Wetzel eher für das Finanzielle zuständig ist. Akribisch wird anhand der Größenverhältnisse aus den Fotos des besagten Zeitschriftenberichts die Größe des Ballons und der Gondel ermittelt und ein geeigneter Stoff zur Realisierung gesucht. Die Wahl fällt auf Futterstoff, der – auch das ist typisch DDR – durch Bestechung des zuständigen Lagerarbeiters aus einer Lederfabrik entwendet wird. Wetzel schildert, reich bebildert, wie er sowohl Brenner als auch Gebläse für den Ballon selbst konstruierte, indem er etwa den Motor seines Motorrads zweckentfremdete. Auch die Gondel wird eine waghalsige Eigenkonstruktion aus einer Stahlplatte mit Stützpfosten ringsherum und Wäscheleinen. Spätestens hier wird klar, welche Gefahren die beiden Familien in Kauf genommen haben, um ihren Wunsch nach einem Leben im Westen zu verwirklichen.
Nach einem gescheiterten Test zur Flugtauglichkeit wird die mühevoll genähte Ballonhülle, für die Wetzel eigens eine spezielle Stoff sparende Nähtechnik ertüftelt, ruiniert. Unermüdlich bleibt Günter Wetzel trotz des Rückschlags an seinem Fluchtprojekt. Mit Hilfe eines selbstkonstruierten Messgeräts ermittelt er den am besten geeigneten Stoff: Taft. In einem Leipziger Kaufhaus werden schließlich 1000 Quadratmeter dieses Stoffs unter einem Vorwand erstanden. Erneut macht sich Wetzel an die Arbeit. Die Nähmaschine mit Fußbetrieb aus den Dreißiger Jahren hat er inzwischen durch eine Eigenkonstruktion zu einem elektrischen Modell umgerüstet. Trotz allem: Auch mit dem zweiten, neu entstandenen Ballon kann die lang ersehnte Flucht nicht angetreten werden. Bei einem Flugtest saugt sich der Taft voll Feuchtigkeit, der Ballon sinkt noch im Sperrgebiet herunter und muss aufgegeben werden. Durch den Fehlversuch, bei dem Werkzeuge und Messgeräte zurückgelassen werden, wird auch die Staatssicherheit aufmerksam. Zum Schluss bleiben den Familien Wetzel und Strelzyk nur noch fünf Wochen, in denen Tag und Nacht am dritten und größten der drei Ballons gearbeitet wird. Hektisch werden überall im Land Taftstoffe gekauft. Keine großen Mengen, man darf nicht auffallen. Zu einem Tauglichkeitsversuch kommt es diesmal nicht, weil die Ballonhülle, die Wetzel im Keller seines Hauses wieder selbst genäht hat, gerade noch rechtzeitig zum geplanten Abflugtermin fertig wird. Das ursprünglich stürmische Wetter ändert sich, laut Segelflug-Wetterbericht des Bayrischen Rundfunks herrschen nachts optimale Flugbedingungen. Am 16. September 1979 wird die Flucht gewagt. In 2000 Meter Höhe fliegt der Ballon in einer mondhellen Nacht unbemerkt von den Grenzposten in Richtung Naila. Die acht Insassen der Ballongondel haben inzwischen jegliche Orientierung verloren und wissen nicht, ob sie über westdeutschem Gebiet sind oder nicht, als unten am Boden Scheinwerfer auf sie gerichtet werden. Nach einer guten halben Stunde geht das Gas im Brenner zur Neige und der Ballon muss notgedrungen landen. Vorsichtig erkunden Strelzyk und Wetzel die Umgebung und stellen erleichtert fest, dass ihre Flucht geglückt ist und sie tatsächlich im Westen gelandet sind. Die Freiheit ist da.
Vom Medienrummel um die Sensationsflucht bekommt Günter Wetzel zunächst wenig mit. Bei der unsanften Landung hatte er sich verletzt und befand sich im Krankenhaus. Viel Hilfsbereitschaft schlägt den beiden DDR-Flüchtlingsfamilien entgegen. Zusagen für Wohnung und Arbeitsstelle sind schnell gemacht. Das Einleben im Westen dauert nicht lange.
„Wenn ich damals das über das Fliegen gewusst hätte, was ich heute weiß, würde ich heute das Unternehmen nicht mehr wagen“, ergänzt Wetzel abschließend. „Wir haben das, was hätte passieren können, ausgeblendet. Denn wir wollten unbedingt in den Westen.“

Maria Riga