Was geht das uns an? Der Jugendoffizier der Bundeswehr über Konflikte und internationale Sicherheitspolitik

Jugendoffizier der Bundeswehr Andreas Grimminger informierte im Rahmen zweier Vorträge am 26. sowie 31. Januar 2018 im Kellertheater die Schülerinnen und Schüler der Q12 über Konflikte sowie aktuelle Herausforderungen der internationalen Sicherheitspolitik.
Hauptmann Andreas Grimminger, der hobbymäßig gerne schwimmt, läuft und Fahrrad fährt, begann seine Karriere in der Bundeswehr bei den Gebirgsjägern. Nachdem er auch an Auslandsmissionen u.a. in Somalia und im Kosovo beteiligt war, hält er aktuell als Jugendoffizier Vorträge und informiert dabei Schüler über Belange der Bundeswehr sowie aktuelle sicherheitspolitische Fragen. Eine Rückkehr in den aktiven Einsatz, auch im Ausland, könnte sich der Familienvater hierbei jederzeit vorstellen. Die Vereinbarkeit von Familie und teils monatelangen Missionen, für ihn eine Herausforderung, jedoch keine Unmöglichkeit.
Grimminger beginnt seinen 60-minütigen Vortrag im Kellertheater des CJT-Gymnasiums mit der Frage nach der generellen Entstehung von Konflikten. Gewaltsame Ausschreitungen und Auseinandersetzungen sind hierbei kein Ausdruck willkürlicher menschlicher Bosheit, sondern vielmehr der Gipfel meist multikausaler Zusammenhänge. Grundlegend hierfür ist oft eine mangelnde Befriedigung der Grundbedürfnisse der Menschen wie beispielsweise der Versorgung mit Nahrungsmitteln oder sauberem Trinkwasser. Eine solche Unterversorgung führt für die Betroffenen in wachsende Perspektivlosigkeit und Existenzangst. Grimminger beschreibt exemplarisch eine Situation extremer Wasserknappheit, wie sie vielerorts auf der Welt anzutreffen ist. Eine Schlange aus Menschen wartet auf Wasser. Jeden Tag können zunehmend weniger Menschen in der Reihe mit lebensnotwendigem Wasser versorgt werden, bis die Quelle schließlich komplett versiegt. Für die betroffenen Menschen, die durch solche Umstände ihre Existenz, gar ihr Leben bedroht sehen, stellt der Rückgriff auf Gewalt sozusagen die „ultima ratio“ dar. Nur wer stärker ist, dem Mitmenschen beispielsweise durch den Griff zur Waffe überlegen wird, hat die Chance, das eigene Leben oder das der Familie, zumindest temporär, zu sichern. Umstände, die man sich in den entwickelten Industrienationen kaum vorstellen kann, weshalb Menschen hierzulande schnell zu Schwarz-Weiß-Denken neigen. Die Betroffenen werden pauschal als böse, brutal oder barbarisch angesehen, wenngleich ihr Handeln oft das Resultat purer Verzweiflung ist. Andreas Grimminger ruft die Schülerinnen und Schüler somit zu einer differenzierteren Betrachtung aktueller Konflikte auf und auch dazu, die Hintergründe zu hinterfragen.
„Was geht das uns an?“, rezitiert der Referent anschließend die Denkhaltung der Menschen, die sich von den Folgen solcher Konflikte scheinbar nicht betroffen fühlen. Für uns Europäer scheint der Nahost-Konflikt, der Bürgerkrieg in Syrien oder der failing state Somalia unendlich weit entfernt. Dennoch konnte und kann man die Auswirkungen unmittelbar spüren. Neben dem Anschluss an paramilitärische Organisationen und somit dem Griff zur Gewalt stellt in den Konfliktregionen der Welt vor allem die Flucht das präferierte Mittel der Menschen dar, der unmittelbareren Gefahr zu entkommen. In diesem Sinne war man in Deutschland im Rahmen der Flüchtlingskrise 2015 mit den Auswirkungen des Syrien-Kriegs direkt konfrontiert. Darüber hinaus ist die Gefahr neben offensichtlichen Bedrohungen, wie beispielsweise einem durch Nordkorea ausgelösten Atomkrieg, weitaus subtiler und tiefgreifender. Die westliche Zivilisation befindet sich in tiefer wirtschaftlicher Abhängigkeit beispielsweise von Rohstoffen, die vielerorts in Konfliktregionen abgebaut und gefördert werden, und ist überdies bereits durch ihre Transport- und Handelswege angreifbar. Grimminger verdeutlich dies am Beispiel von Somalia, wo er auch selbst bereits im Auslandseinsatz tätig war. Somalia liegt hierbei strategisch günstig am Eingang zum Golf von Aden, welcher den direkten Zugang zum Suez-Kanal und somit zum Mittelmeer darstellt, wodurch diese Route von erheblicher Relevanz für die internationale Handelsschifffahrt von Asien nach Europa ist. Viele Somalier, von den oben erwähnten Gründen in die Piraterie getrieben, entern internationale Handelsschiffe, um Schiff und Mannschaft in der Folge gegen horrende Lösegeldzahlungen seitens der Reeder freizupressen. Die Tatsache, dass vor einiger Zeit auch deutsche Schiffe und Besatzungen betroffen waren, zeigt, dass das Problem keineswegs bedeutungslos ist, und die Notwendigkeit einer Intervention, auch im eigenen Interesse, somit nicht mehr von der Hand zu weisen ist.
Dem deutschen Staat, welchem die Verantwortung für die Sicherheitspolitik obliegt, stehen in diesem Zusammenhang unterschiedliche Möglichkeiten zur Verfügung, wie eine solche Intervention im Konkreten aussehen könnte. Abseits der Polizei, als Instrument zur Aufrechterhaltung der inneren Sicherheit, stellen Diplomatie, Entwicklungshilfe sowie die Bundeswehr die wesentlichen Möglichkeiten dar, auf Konflikte zu reagieren oder ihnen vorzubeugen. International ist in Bezug auf eine militärische Intervention vor allem das Verteidigungsbündnis NATO von Gewicht, welches im Beispiel Somalia direkt militärisch eingriff und den Schiffen mit Hilfe von Fregatten Geleit zusicherte. Grimminger merkt diesbezüglich jedoch an, dass einer solchen internationalen Mission oft ein sehr langer Prozess der Entscheidungsfindung vorangeht.
Der Referent bezieht während seines Vortrags immer wieder auch die Schülerinnen und Schüler mit ein, die beispielsweise im Bezug auf Aufbau und Aufgaben der UN, NATO sowie der EU konstruktiv bereits erlerntes Wissen beitragen können. Darüber hinaus steht er jederzeit für Zwischenfragen bereit, die er meist ausführlich und vertieft beantwortet. Die Zuhörer interessieren sich hierbei vor allem für aktuelle Bedrohungslagen, ausgelöst durch Hacker-Angriffe und Cyber-Kriminalität, stellen aber auch Fragen zu Handlungsfähigkeit und aktueller Konstitution von Bundeswehr oder Institutionen wie UN und NATO. Allen offenen Fragen sowie tiefergreifendem Interesse nimmt sich der Jugendoffizier in den abschließenden 30 Minuten bis zum Ende der Doppelstunde an, wobei er auch noch einmal vertieft auf Themen des Vortrags und deren Hintergründe und Zusammenhänge eingeht.
Die Schülerinnen und Schüler zeigen sich im Allgemeinen durchaus sehr zufrieden, kritisieren danach jedoch die Redundanz teils bereits im Unterricht behandelter Inhalte. Die Organisatoren, bestehend aus Frau Ballis und Herrn Benicke, bleiben deshalb im Dialog mit den Jugendoffizieren, um zukünftige Vorträge noch besser den Anforderungen der Zuhörer anpassen zu können.
Niklas Escherich, Q12