Leben im Osten der Republik: DDR-Geschichte lebendig erzählt

... So etwas nennt man wohl erlebte Geschichte, auch wenn sie von den Zuhörern und Zuhörerinnen nicht persönlich erlebt, sondern ihnen nur persönlich erzählt wurde.
Plastisch, mit Bildern aus seiner Kindheit, seiner Jugend, ja sogar aus dem Gefängnis Hohenschönhausen und den Stasiakten untermalt, berichtete Mario Röllig von einer unbeschwerten Kindheit, von seinen ersten negativen Erfahrungen mit dem Staatsapparat, als er voller Stolz ein knallig gelbes T-Shirt mit seinem Fußballidol Franz Beckenbauer darauf – ein Geschenk seiner Tante aus dem Westen – zum Fahnenappell in der Schule trug anstelle der geforderten Uniform, und schließlich von seiner großen Liebe, die ihm zum Verhängnis werden sollte. Denn seine große Liebe stammte aus und lebte in der BRD, und für diese große Liebe war Mario Röllig bereit, die DDR heimlich zu verlassen. „Erst jetzt wurde mir mein Drang nach Freiheit so richtig bewusst, ohne diese Begegnung hätte ich mich weiterhin mit dem Regime arrangiert,“ so der Zeitzeuge. Nun aber wurde die Stasi auf diese Beziehung aufmerksam und versuchte Mario Röllig mit allerlei Versprechungen wie der Bereitstellung einer eigenen Wohnung – in Ostberlin herrschte Wohnmangel – oder eines Trabis – also unter Umgehung der üblicherweise zehnjährigen Wartezeit – zu ködern und als Stasi-Mitarbeiter zu gewinnen. Denn Mario Rölligs große Liebe war nicht irgendwer, sondern ein Berufspolitiker aus dem Westen und daher für die Stasi höchst interessant. Doch Mario Röllig lehnte ab, was seinen sozialen Abstieg besiegelte. So blieb für ihn die Flucht der einzige Ausweg, um dem Regime zu entkommen und in Freiheit zu leben.
An der ungarischen Grenze, bereits in Sichtweite zur jugoslawischen Grenze – Jugoslawien galt als Land mit geringen Kontrollen Richtung Westen – endeten seine Pläne jäh. Ein ungarischer Bauer, der wie so viele seiner Art ein Leben am Existenzminimum führte, verriet ihn gegen Geld an die Behörden. Hohenschönhausen statt BRD war die Folge.
Einzig der Kontakt zu Freunden im Westen ermöglichte es ihm, bereits nach einem halben Jahr psychischer Folter das Gefängnis wieder zu verlassen – er wurde von der BRD freigekauft. Frei war er jedoch nur körperlich, in seinem Kopf lebte und lebt das Widerfahrene weiter. Und so dienen seine Reisen, die ihn schon bis in die USA geführt haben, auch der Reinigung seiner Seele. Schweigen und dann lang anhaltender Applaus zeigten ihm, dass seine Vorträge nicht umsonst sind. Vielen herzlichen Dank, Herr Röllig. Wir freuen uns schon auf Ihren Besuch im nächsten Jahr.
Matthias Kausch